Schlagwörter

, , ,

Zu Fuss nach Deutschland

Nur zwei Tage sind wir in Griechenland, auf dem Weg zurück von Indien nach Deutschland. Unser nächstes Ziel ist Mazedonien, dann weiter nach Serbien. Es ist elf Uhr vormittags und die Sonne brennt schonungslos auf den Asphalt. Dreißig Kilometer vor der Grenze nehmen wir vier Anhalter vom Seitenstreifen mit. Sie werfen ihre Rucksäcke auf die Rückbank unserer Doppelkabine und bedanken sich vielmals. Erschöpft und müde wirken sie.

Sie kommen aus Syrien, und wollen nach Polikastro, einem Ort ca. 30 Kilometer vor der Grenze. Als sie, einige Kilometer später, etwas mehr vertrauen in uns haben, erklären sie, dass sie eigentlich zu einem Hotel in Evzonoi wollen, in unmittelbarer Grenznähe. Dort treffen sie sich mit anderen, um noch in der selben Nacht, im Schutze der Dunkelheit, durch die Wälder über die Grenze zu gelangen.

Prompt wird unser Blick für die Situation um uns herum wacher: Die „Wanderer“ auf dem Fußweg zehn Meter neben der Fahrbahn, Gruppe hinter Gruppe, alle mit kleinem Rucksack, Decke oder Schlafsack ausgerüstet, sind ebenso Geflüchtete. „All Syrians?“ „Yes, most, some Afghanis, Pakistanis, and Africans, too“, erfahren wir. „all going to Europe: Germany, Sweden, France,…“. Sie zeigen uns ihre griechische Flüchtlingsregistrierung, ein zusammengefaltetes DIN-A-4-Papier mit ihren Daten, Foto und einer halben Seite Fließtext, den weder sie noch wir lesen können. Andere Dokumente haben sie nicht dabei.

Sie kommen aus Damaskus, Aleppo und Daraa. Einer der Männer zeigt mir auf seinem Handy Fotos von seinen drei Kindern, die er in Syrien zurückgelassen hat. Als ihm die Tränen in die Augen steigen, setzt er seine Sonnenbrille auf und wendet sich ab. Die Sprachbarriere ist zu groß, über ein paar Brocken Arabisch und Englisch kommen wir nicht hinaus, ein wenig hilft das Sprachprogramm auf ihren Smartphones. Hunderte Fragen bleiben jedoch offen.

Wir nähern uns Evzonoi, über die Handys verfolgen sie genau den Weg. Das kleine Hotel zu dem wir sie fahren, liegt verlassen an einer Seitenstraße, neben einer Tankstelle und einem Minimarkt. Schon von weitem erkennen wir, dass sich um einen Treffpunkt handelt. Wir fahren auf den Vorplatz und verabschieden uns von unseren kurzeitigen Mitreisenden, die sich überschwänglich bedanken. Geschätzt befinden sich etwa einhundert Menschen auf dem Vorplatz des Hotels. Neben uns stehen Zelte, daneben mehrere Menschen im Schlafsäcken, oder auf Matten liegend. Die meisten sind junge Männer, vereinzelt Jugendliche, wenige Frauen, ein paar wenige mit Kindern. Ein Campingkocher. Erschöpfte, ratlose Gesichter. Die Schattenplätze rund um den Platz sind rar und dicht belegt. Neuankömmlinge werden von Bekannten, Verwandten umarmt, es werden aufgeregt Infos ausgetauscht. Ansonsten ist es bedrückend ruhig für so viele Menschen an einem Ort. Die meisten schlafen oder ruhen sich von dem langen Fussmarsch aus. Unter dem Vordach der Hotelterrasse wird Kartengespielt, um sich die Zeit zu vertreiben, bis es Dunkel wird.

Langsam bildet sich eine Menschentraube um die Kiste, und wir nutzen die Gelegenheit mehr zu erfahren. Unsere Herkunft bleibt nicht unerkannt: „Ihr fahrt nach Deutschland? Wir auch!“ sagen sie, mit einem Lächeln im Gesicht. Zu Fuß soll es weitergehen, durch Mazedonien. Oder, wer es sich leisten kann, mit dem Fahrrad. Dann von Serbien aus bis nach Ungarn. Jene Grenze ist am meisten gefürchtet.

Betreten, ratlos und begleitet von einem betäubenden Ohnmachtsgefühl fahren wir die 700 Meter weiter zur Grenze. Wir zeigen unsere deutschen Pässe. Freundlich werden wir von dem griechischen Grenzbeamten verabschiedet, und freundlich von dem mazedonischen begrüßt. Einen kurzen Blick will er hinten in die Kiste werfen, das war’s.

Kurz hinter der Grenze das gleiche Bild: Männer mit kleinen Rucksäcken und Schlafsäcken oder Decken am Straßenrand unterwegs, in Gruppen oder alleine, zu Fuß, und viele mit Fahrrädern.
Wir halten an einer kleinen Raststätte, und kommen dort mit einer Gruppe Männern ins Gespräch, die im Schatten auf dem Boden sitzen und sich ausruhen, von der Hitze, von dem langen Marsch, der Fahrradfahrt auf den auf- und absteigenden Straßen Mazedoniens. Sie sehen müde aus, aber sind offensichtlich erfreut über unser Interesse. Wir erfahren, dass die Fahrräder für 150 Euro an die Reisenden verkauft werden. Wer sich das nicht leisten kann, muss gehen. Wie die drei Männer aus der Gruppe, mit denen wir uns unterhalten.

Einer von ihnen ist ein Student aus dem Gazastreifen. Er ist in Jabalia aufgewachsen, dem größten Flüchtlingslager im Norden von Gaza Stadt. Auch ich habe einen Tag dort verbracht, als ich zwecks Recherchetätigkeiten für meine Diplomarbeit einen Monat im Gazastreifen verbringen durfte. Die Herzlichkeit und unbegrenzte Gastfreundschaft der Menschen, die mich für diese Zeit wie ein Familienmitglied aufgenommen und umsorgt haben, ist unvergessen.

Während wir uns unterhalten, bringt ein Angestellter der Raststätte einen Tisch zum dem gut 20 Meter entfernten Schattenplatz unter den Bäumen. Ein weiterer Trägt Stühle. Es gibt sie, die Solidarität unter der Bevölkerung.

200 Kilometer sind die drei Männer seit Griechenland gegangen. Die dicken Blasen an den Füßen sprechen für sich. Das Essen ist ausgegangen, die Wasserflaschen sind so gut wie leer. Ob wir sie nicht ein Stück mitnehmen können, wollen sie wissen, bis nach Skopje vielleicht. Sie sind „illegal“ im Land, das ist uns klar. Wir haben gut Platz für drei weitere Personen, und haben bisher in jedem Land Anhalter mitgenommen. Und an die „Illegalität“ von Menschen glauben wir sowieso nicht. Also Laden die drei Männer ihre Rucksäcke ein. Wir sehen gerade noch, wie ein älterer Mazedonier zwei Tüten mit Lebensmitteln an die Gruppe verteilt.

Nach ein paar Kilometern entspannen sich unsere neuen Mitreisenden merklich, wir plaudern, erzählen aus unseren Leben, auf Englisch, Arabisch, mit Übersetzungs-App, und wie so oft mit Händen und Füßen.

Das Smartphone ist ein wichtiges Hilfsmittel, dient es doch nicht nur der Kommunikation mit der zurückgelassenen Familie und dem unverzichtbaren Informationsaustausch untereinander, sondern auch zum navigieren der Reise. Während der Fahrt zeigen sie uns ein aufgenommenes Video. Ein graues, motorisiertes Schlauchboot, voll besetzt mit Männern verschiedener Herkunft, auf dem Wasser. Im Hintergrund eine Küste. Strahlender Sonnenschein. Das Video zeigt die Überfahrt vom türkischen Bodrum auf die griechische Insel Kos. Drei Stunden hat sie gedauert. Das Camp auf Kos sei überfüllt und in miserablem hygienischen Zustand, erklären sie. Die nächsten Bilder zeigen die Gruppe auf einer Fähre nach Athen. In Griechenland dürfen sich Geflüchtete nach der Registrierung frei im Land bewegen. Aber dort bleiben ist keine Option, zu schlecht sind die Zustände in den Lagern, und der Rassismus gegenüber den Migranten ist gravierend.

Etwa 20 Kilometer nördlich von Skopje bei Komonovo fahren wir auf einen Raststättenparkplatz. Von hier an müssen sie zu Fuß weiter, es ist nicht mehr weit zur Grenze. Eine weitere Gruppe von vielleicht 25 Männern mit Ruck- und Schlafsäcken und Fahrrädern macht sich gerade fertig zur Weiterreise. Während wir uns noch verabschieden, gesellt sich die Polizei in Zivil zu uns. Ob wir wüssten, dass die Mitnahme dieser Menschen in diesem Land nicht erlaubt sei, fragen sie auf deutsch. Ich verneine, und weise darauf hin, dass wir lediglich Anhalter mitgenommen haben, so wie wir das überall tun. Schließlich bin ich auch schon in Mazedonien getrampt, und wurde auch problemlos mitgenommen. Wir hätten jetzt ein gravierendes Problem, für „diese Sache“ sitzen Mazedonier für ein Jahr im Gefängnis. Und ohne Strafe werden wir hier nicht davon kommen. Wir beziehen uns auf den gesunden Menschenverstand, und sind uns keiner Schuld bewusst. Es geht ein bisschen hin und her, im Endeffekt wollen sie rausfinden ob wir den „Transport von Flüchtlingen“ für Geld gemacht haben, was alle wahrheitsgetreu verneinen. Währenddessen zieht sich ein weiterer Polizist betont langsam Einweghandschuhe an. Die Rucksäcke der Syrier und des Palästinensers werden durchsucht, die Handys auseinandergenommen, die letzten Fotos angeschaut. Pässe haben sie keine, nur das griechische Registrierungsdokument. Nach ein paar Telefonaten können wir weiterfahren. Auch die drei Männer können weiterziehen, mit dem Hinweis, dass es im Ort eine Polizeistation gibt, wo sie Asyl beantragen können. Uns wird zum Abschied noch geraten, uns von jetzt an von „denen“ fern zu halten, um uns nicht in gesetzliche Schwierigkeiten zu bringen. „Von denen werdet ihr unterwegs noch viele sehen!“

Eigentlich wollten wir uns von unseren Mitreisenden mit einem selbstgekochten Tee und Datteln verabschieden, um ein wenig von der Herzlichkeit weiterzugeben, die uns in all den Ländern durch die wir gereist sind, so selbstverständlich entgegengebracht wurde.

So blieb nur noch die Möglichkeit für ein flüchtiges, aber wohlwissendes Augenzwinkern, bevor sie ihre Rucksäcke packten und hinter der nächsten Ecke verschwanden: Grenzen verlaufen zwischen oben und unten, und nicht zwischen den Menschen. No one is illegal!

Später lesen wir, dass erst im April 14 Geflüchtete, die zur besseren Orientierung auf den Gleisen unterwegs waren, von einem Güterzug erfasst worden und ums Leben gekommen sind.

Einen Tag vor unserer Durchquerung des Landes wurde in Mazedonien ein Gesetz verabschiedet, das Geflüchteten von nun an die Benutzung von Bussen und Bahn erlaubt.

Einen weiteren Tag davor kündigte Ungarn an, die 175 Kilometer lange Grenze zu Serbien mit einem vier Meter hohen Zaun zu sichern, um den Flüchtlingszustrom einzudämmen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Advertisements